Geschichte eines Sonnenkults

Wie alt dieses Brauchtum ist, lässt sich nicht exakt feststellen. Möglicherweise hat der „Osterräderlauf” seinen Ursprung im heidnisch-germanischen „Sonnenkult”. Vor rund 2000 Jahren fühlten sich unsere Vorfahren vom Feuer angezogen. Das Feuer war ihnen geheimnisvoll. Das Feuerrad, als Sinnbild der Sonnenscheibe, weckte Erwartungen auf den kommenden Frühling. Die brennenden Räder symbolisieren das Licht. Das Licht, das über die Dunkelheit des scheidenden Winters triumphiert.

Geschichtlich kann der Räderlauf auch dem sogenannten „Feuerkult” zugeordnet werden. Bereits Historiker des Altertums berichten über Feuerbräuche. Die Zahl der Feuerrituale war riesig. Alle Feuerrituale aufzuzählen und einzuordnen ist fast unmöglich. Der Lügder Osterräderlauf lässt sich möglicherweise auf das Ritual des Feuerrades zurückführen.

Brauch des Räderrollens war früher auch in anderen Gegenden Deutschlands und in benachbarten Ländern verbreitet

In Deutschland berichten die Gebrüder Grimm von einer ähnlichen Sitte in dem Moselstädtchen Konz. Dort ließ man die Feuerräder zu Johanni, also zur Sonnenwende, von den Bergen herunterrollen. Auch in Lünsberg bei Ramesdorf, Mittenwald in Oberbayern, in der Gegend um Würzburg und auch in Kärnten liefern noch um die Jahrhundertwende brennende Räder. Die wohl älteste Aufzeichnung aus dem deutschsprachigen Raum von brennenden Scheiben beziehungsweise Rädern befindet sich in der Lorscher Klosterchronik. In anderen Berichten wird von brennenden Rädern in Verbindung mit Wetter- und Fruchtbarkeitszauber erzählt. Einer der ersten Aufzeichnungen über den Feuerräderlauf finden wir in einer Lebensbeschreibung über den heiligen Vincent von Agen. Der Heilige Vincet von Agen hat im 4. Jahrhundert in Frankreich gelebt. Er hat den Märtyrertod erlitten, weil er ein heidnisches Fest gestört hatte.

In einer Lebensbeschreibung dieses Heiligen wird dieses Ereignis wie folgt wiedergegeben:

Vor langer Zeit versammelten sich in der Gegend von Agen die heidnischen Gallier in einem Nemeton (Heiligtum). In einem bestimmten Augenblick öffneten sich wie von unsichtbaren Kräften bewegt die Pforten des Heiligtums und vor den Augen des staunenden Volkes erschien ein Flammenrad, das den Abhang hinunter bis zum Fluss rollte. Auf geheimen Wegen wieder zum Tempel zurück gebracht, begann es anschließend aufs Neue seinen flammenden Weg.

Aber nicht nur im südlichen Frankreich, auch im englisch-irischen Raum war das Feuerrad bekannt. Die selbe Zeremonie wird auch in einem englischen Gedicht aus dem 16. Jahrhundert wie folgt beschrieben:

Die Leute nehmen ein altes … Rad, umwinden es ganz und gar mit Stroh und Werg und tragen es auf den Gipfel eines Berges. Wenn es dunkel geworden ist, zünden sie es an und lassen es den Berg hinunterrollen. Ein merkwürdiges und ungeheures Schauspiel – man könnte meinen, die Sonne sei vom Himmel gefallen.

Der Osterräderlauf in unserer Stadt dürfte wohl einmalig weit und breit sein. Das alte Brauchtum wird in seiner ursprünglichen Art an anderen Orten nicht mehr ausgeübt.